GROUPON GUIDE BERLIN

Kreuzberg liest… über den Dächern der Stadt

Autor: SABINE WIRSCHING | 22.8.2014 |
Kreuzberg liest… über den Dächern der Stadt

„Wir bringen Vielzitiertes und Unbekanntes, Modernes, Klassisches, Dramatisches und Kurioses zu Gehör. Mit Verstand und Gefühl.“ So beschreibt Initiatorin Katharina Thiel ihre praktische Lesehilfe "Kreuzberg liest" im 5. Stock des Sputnik Kinos.

Jedes Jahr erscheinen immer mehr Bücher – was soll man da noch lesen? Während sich das Publikum in bequemen Sofas räkelt, hilft das Thiel‘sche Schauspieler-Kollektiv mit Auszügen aus aktuellen und klassisch empfehlenswerten Buchtiteln bei dieser Lesung in Berlin bei der Antwort. Dabei wird einmal im Monat zu einem bestimmten Thema gelesen:

Unter dem Motto „MACHT! Oder: komm und spiel‘ mit mir!“ gab es etwa einen Brief von Else Buschheuer aus Sybille Bergs Sammlung (realer) „Abschiedsbriefe von Frauen“. Hier drosch die lesende Alexandra Johannknecht ihre Hörer regelrecht aus der hingefläzten Sofabehaglichkeit heraus: Sie las von Liebe – und sprühte Hass, Wut, Zerstörung, Zerfleischung, mörderische Lust und ein dreigestrichenes Fahr-zur-Hölle! Dabei verzerrte das kleine Licht der Leselampe ihr eigentlich sehr hübsches Gesicht während der hasserfüllten, zähnefletschenden Passagen zu einer wahren Teufelsfratze. Ein großartiger Textgenuss – nur vermutlich nicht für denjenigen, der Else Buschheuers Brief damals wirklich erhalten hat.

Außerdem gab es an diesem Abend "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt als szenische Lesung, zusammengefasst und bearbeitet von Katharina Thiel. Denn hier wird nicht nur einfach vorgelesen, sondern auch bearbeitet und inszeniert. Und auch ab und an das Beste wiederholt – dazu gehört auch der altbewährte Publikumsliebling „Der Wurmkonflikt“ vom Kult-Ulk-Autor Dirk Bernemann, gelesen von Axel Hartwig (bekannt aus „Puppe, Icke und der Dicke“).

Hier trifft ein Mann auf dem Parkplatz vor Aldi auf einen Madonna-pfeifenden Regenwurm. Der ihm einfach nicht aus dem Weg geht. Verzweiflung und Wut wechseln einander ab, die Nacht bricht herein, der Mann erzählt dem Wurm sein Leben und schläft schließlich ein. Am nächsten Morgen ist der Wurm verschwunden. Doch er hat eine Botschaft zurückgelassen: "Vielen Dank für den schönen Abend." Und Wochen später ruft der Wurm wieder an – diesmal mit Slayer im Hintergrund. Klingt nach irr(sinnig)-witzigem Nonsense-Punk – und genau das ist es.

Ab und zu wird es bei "Kreuzberg liest" aber auch richtig ernst – etwa bei „Schlaglöcher des Lebens - Von der Kunst des Scheiterns“ mit Axel Hartwig und Sibylle Bergs "Theorie". Es drehte sich um das Erwachsen-Werden und das Erwachsen-Sein. Die Endaussage: Wir schieben unser Leben vor uns her, warten auf die große Veränderung und das Jetzt zählt nicht. Irrtum, liest Hartwig: Es sind nicht die großen, sondern die kleinen Erkenntnisse, die uns nach und nach erwachsen werden lassen. Die große Bedeutsamkeit bleibt aus. Statt von einer Sinn-Flut überrollt zu werden, treiben wir längst auf dem offenen Meer.

Viele Zuhörer haben bei diesem Beitrag gelacht, was mir im Halse steckenblieb. Damit ist diese Darbietung eins der besten Beispiele für „Kreuzberg liest“: Gelesen wird beinahe immer großartig. Die besten Texte erscheinen manchmal trivial, aber fast immer ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch viel Stoff zum Denken und Diskutieren dabei. Kurz: Ein immer gekonnter Mix aus lustigem Entertainment, aus feinster Unterhaltung und äußerst schmackhafter geistiger Kost mit einer guten Prise Schauspielerkönnen - eine der besten Lesungen in Berlin: "Kreuzberg liest"!

Weitere Infos:

http://www.salon-kreuzberg.de/

http://youtu.be/zdM9lUy4qJo

Ähnliche Artikel:

Feuerpudel

Ein weiteres Highlight für Literaturfreunde in Berlin ist die Lesebühne "Feuerpudel", die regelmäßig in der Koffer Bar stattfindet.



____

Deals für Tickets und Events in Berlin findet ihr hier!

Rocknroulette
Autor: Sabine Wirsching Rocknroulette
{}