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CulinARy MiSfiTS oder Anders is(s)t normal

Autor: SABINE WIRSCHING | 1.10.2014 |
CulinARy MiSfiTS oder Anders is(s)t normal

Letztes Jahr war ich zum ersten Mal in einem polnischen Supermarkt. Und abgesehen davon, dass die Fleischtheke nach Fleisch roch (und nicht nach sterilem Das-war-nie-ein-Tier wie bei uns) fand ich vor allem die Grünzeugabteilung außerordentlich faszinierend. Da gab es nämlich tatsächlich krumme Gurken, Kartoffeln mit Knubbeln und knorrig-schiefgewachsene Äpfelchen.

Im ersten Moment war ich von diesem Ausnahmeanblick irritiert. Und dann fiel mir ein, dass das, was ich in einem EU-Normsupermarkt gewohnt bin – nämlich schnurgerade Gurken in Standardgurkengrün, einheitsovale Kartoffeln mit einer pickelfrei glatten Schale und symmetrisch gedrillte Äpfel – die Ausnahme ist. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Was nicht der Norm entspricht, fliegt raus. Das kommt dem Ottonormalverbraucher gar nicht unter die Augen. Da können die inneren Werte noch so tadellos sein – in deutschen Supermärkten zählt nur die Optik.

Culinary Misfits


Es sei denn, die krumme Gurke und die hubbelige Kartoffeln wandern statt in den Müll in gute Hände: zu CulinARy MiSfiTS zum Beispiel. Hier heißt das Motto seit Eröffnung im Juli 2014 nämlich: „Esst die ganze Ernte“, sprich die Großen und die Kleinen, die Graden und die Krummen, die Perfekten und die mit Charakter. Denn schmecken… mmh, schmecken tun sie hier alle.

Normalerweise fliegt alles Gemüse und Obst, das nicht dem Standard entspricht und zu „freakig” für das Supermarktregal erscheint raus – hier wird im großen Stil fast ein Drittel aller geernteten Feldfrüchte aussortiert und entsorgt.

Abgesehen vom First-World-Luxus der Verschwendung: Tanja Krakowski und Lea Brumsack als Macher von CulinARy MiSfiTS finden, dass dabei ein einzigartiger Reichtum an Vielfalt in Form und Ästhetik verloren geht. Deswegen finden hier alle „Sonderlinge“ den Weg zurück auf den Teller, zusammen mit anderen vergessenen Küchenschätzen wie z.B. Topinambur, blauen Kartoffeln und Wildkräutern.

Culinary Misfits


Und es gibt noch eine weitere Besonderheit an diesem außergewöhnlichen Konzept: Die beiden CulinARy-MiSfiTS-Köchinnen sind keine Profis, sondern nutzen vielmehr ihre Liebe zu Material und Küchenhandwerk, um gestalterische und geschmackliche Highlights in vegetarischer Perfektion zu kreieren.

Dabei entstehen kunterbunte Kreationen wie Rote-Beete-Knödel, Karamellisierte Radieschen, saftiger Möhrenkuchen, Pastinakensuppe, leckere Mittagsstullen und vieles mehr.

Das Ziel ist eine gesunde und faire Esskultur, in der Lebensmittel, Produzenten und Ressourcen wieder wertgeschätzt werden. Und zwar alle: Ob schiefe Strünke, mehrbeinige Möhrchen oder Kraut und Rüben. Bei CulinARy MiSfiTS gibt es deswegen weder Einheitsbrei, noch Standardgemüse, sondern Akzeptanz und Freude an gutem Essen. Niemals langweilig und immer lecker.

Culinary Misfits


Und wem nur essen und genießen zu wenig ist, der kann Workshops zu regionalem Gemüse besuchen, per Schnitzeljagd aus seinen Kindern Gemüsefans statt Grünzeugmuffel machen oder die MiSfiTS-Rezeptpostkarten nachkochen. Außerdem kann man gleich auch beim täglichen Essen zu Hause die Sieben Goldenen MiSfiTS-Regeln beherzigen:

• Esst die ganze Ernte.
• Vielfalt statt Einfalt.
• Esst nach Jahreszeiten.
• Farben auf den Teller!
• Gemeinsam statt einsam – auch beim Essen und Kochen.
• Was der Bauern nicht kennt, das kauft er.
• Kochen mit Herz und Handwerk.

In diesem Sinne: guten Appetit mit gutem Gewissen.

Culinary MiSfiTS

Manteuffelstr. 19
U1 Görlitzer Bahnhof oder Bus 140 bis Wrangelstraße
Di.-Sa. 9-18 Uhr

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Autor: Sabine Wirsching Rocknroulette
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